Meister Eckhart & Johanna Neukirch zum Einen reinen Sein

"Als ich in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst"

Auszug aus Meister Eckharts mystischen Schriften, Berlin 1903, S. 102- 112

"Als ich in meiner ersten Ursache stand, da hatte ich keinen Gott und gehörte mir selbst; ich wollte nichts, ich begehrte nichts, denn ich war ein bloßes Sein und ein Erkenner meiner selbst nach göttlicher Wahrheit; da wollte ich mich selbst und wollte kein anderes Ding; was ich wollte, das war ich, und was ich war, das wollte ich, und hier stand ich ledig Gottes und aller Dinge.

Aber als ich aus meinem freien Willen hinausging und mein geschaffenes Wesen empfing, da bekam ich einen Gott; denn als keine Kreaturen waren, da war Gott nicht Gott; er war was er war. Als die Kreaturen wurden und ihr geschaffenes Wesen anfingen, da war Gott nicht in sich selbst Gott, sondern in den Kreaturen war er Gott. Nun sagen wir, dass Gott danach dass er Gott ist, nicht ein vollendetes Ziel der Kreatur ist und nicht so große Fülle, als die geringste Kreatur in Gott hat.

Und gäbe es das, dass eine Fliege Vernunft hätte und vernünftig den ewigen Abgrund göttlichen Wesens, aus dem sie gekommen ist, suchen könnte, so sagen wir, dass Gott mit alledem, was Gott ist, die Fliege nicht ausfüllen und ihr nicht genug tun könnte. Deshalb bitten wir darum, dass wir Gottes entledigt werden und die Wahrheit vernehmen und der Ewigkeit teilhaftig werden, wo die obersten Engel und die Seelen in gleicher Weise in dem sind, wo ich stand und wollte was ich war, und war was ich wollte."

"Ich bin das Selbstverständlich-da-Seiende; ich bin die Eine reine Präsenz"

Meister Eckhart begleitete mich durch das Erforschen meines Personseins, welches sich auf der Grundlage der Gebote von Eltern und Kirche entwickelt hatte. Ich entdeckte ihn als "meinen" christlichen Mystiker: Ich folgte meinem Gespür, dass er von Wahrheit kündete anstelle von Sünde und Verdammnis, und fühlte mich mit diesem Wahr- und Wahrhaftigsein verbunden.

Die Bestätigung meiner tiefen Ahnung, dass ich nur aus der Quelle kommen kann und dass diese Quelle die Eine füllige Liebe ist, der es an nichts mangelt, führte mich zunächst in die Bereitwilligkeit, mich aus dem gewohnten Mich-schuldig-bekennen-und-um-Vergebung-flehen-Müssen herauszuentwickeln in das Selbstverständlich-da-sein-Dürfen.

Nicht mehr selbstverständlich und uneingeschränkt da sein zu dürfen: Dieses Empfinden macht unser aller Personsein aus. Doch bevor wir in die zweifelhafte, endliche Persönlichkeitsform hineingeprägt werden, sind wir unzweifelhaftes, ewiges Energiesein. Die sich auf dieser Wahrheit aufbauende Gewissheit "Ich darf sein; ich bin berechtigtes Lebendigsein!" weitet das enggeschnürte Korsett der familiären, kirchlichen, gesellschaftlichen Lehren. Und die Weitung des persönlichen Bewusstseins öffnet uns schließlich in das Bewusstsein "Ich bin das Selbstverständlich-da-Seiende; ich bin die Eine reine Präsenz!".

Wir Menschenkinder leiden ausschließlich darunter, nicht ganz und umfassend sein zu dürfen. Und wird in uns emotional wahr, voll und ganz sein zu dürfen, bleibt nur die Freude des Erfahrens des Urgrunds übrig.

Anders gesagt: Zum Lebensauftakt zahlen wir den Preis für die Körperlichkeit mit dem gefühlten Verlust des ewigen, allumfassenden Seins. Und die Vollendung bildet das Geschehen, trotz des Körpers in das Eine ewige Sein heimzukehren.

Wir Menschenkinder leiden ausschließlich darunter, nicht ganz und umfassend sein zu dürfen. Und wird in uns emotional wahr, voll und ganz sein zu dürfen, bleibt nur die Freude des Erfahrens des Urgrunds übrig.

Anders gesagt: Zum Lebensauftakt zahlen wir den Preis für die Körperlichkeit mit dem gefühlten Verlust des ewigen, allumfassenden Seins. Und die Vollendung bildet das Geschehen, trotz des Körpers in das Eine ewige Sein heimzukehren.